Mohr, Januar 1997
Zeig mir deine Hand und ich sage Dir wer Du bist ...

In Coburg fällt mir eine Karte mit recht seltsam anmutender Aufschrift in die Hände: Alexander Golandsky, wissenschaftliches Handlesen, Analyse, Diagnose, Prognose.

Erst richtig interessant wird es natürlich bei dem Hinweis "Wege zur Problemlösung mit Hilfe einer psychologisch orientierten Handanalyse, Erkennung zukünftiger Entwicklungsmöglichkeiten, Chirologische Persönlichkeitsanalyse mit Zukunftsprognose". Na, das wär's doch, denk' ich bei mir. Heute schon wissen, was übermorgen passiert! Man kennt ja diesen Kokolores, Zigeuner lesen aus der Hand, hören geschickt auf die Reaktionen und reimen aus dem Gemisch von Geschwätzigkeit des hilfesuchenden Neugierigen und zufälligen Wahrheiten ein Persönlichkeitsbild für Vergangenheit und Zukunft, das sie dem Zahlenden mündlich darlegen.

Neustadt bei Coburg - für uns natürlich keine Entfernung. Also, nichts wie hin.
 
  Dort scheint jeder "Golle" zu kennen: "Der arbeitet im Kiosk am Arnoldsplatz". Doch der Zeitungskiosk - wie ich später erfahre 1923 gegründet - ist kein Kiosk, sondern ein richtiges Geschäft, ganz modern. Schon draußen sieht man überdimensionale Hände, die Adresse paßt demnach.
   
Ein Hinweisschild "Einbahnstraße" führt vorbei an Vitrinen mit Indianerfiguren und -zubehör, handgefertigten silberschmuck, einer Nachbildung des Highlander-Schwertes, Messern, Schlagstöcken, Wissenschaftszeitungen und Sexjournalen. Endlich bin ich am Ziel der "Reise" in dem wirklich kunterbunten Laden. Zwischen Süßigkeiten, Bier und Zigaretten funde ich den geheimnisumwobenen Mann: Alexander Golandsky.

Nach der Beschreibung kann es kein anderer sein. Schlank, hochgewachsen, sehr lange, schwarze Haare. Ich spreche ihn an, seine Stimme klingt angenehm freundlich und ich merke sofort: das ist kein berechnender Typ, aber soll der wirklich in der Lage sein, mir die Zukunft vorherzusagen?

"Wir fahren in mein Büro", sagt der Handleser, dessen Augen leicht gerötet sind. "Ich sitze jede Nacht über meinen Analysen", erfahre ich auf eine entsprechende Frage. Unterwegs horche ich ihn aus: 34 Jahre alt, gelernter Einzelhandelskaufmann. Er kann den Familienbetrieb, in dem auch noch sein Vater Harry und sein grünhaariger Bruder Peter arbeiten, nicht im Stich lassen. Deswegen ist Handlesen bisher nur sein Hobby, das enormer Aufwendungen bedarf. Mindestens 30.000 Mark hat er bisher in sein Diplom, Bücher und Computeranlage investiert. Auf das "Wahrsagen" der Zigeuner hin angesprochen sagt er: "Wie beim Kartenlegen versuchen hier einige die schnelle Mark zu machen. Wenn die Leute weggehen, haben sie nichts in der Hand und der Wahrsager verschwindet wieder, ich bleibe da."

Wir betreten nach dem Aufstieg über zwei Treppen eine sehr aufgeräumte Wohnung, die vorwiegend in blutrot und weiß gehalten ist. An den Wänden hängen Bilder von Märchen-Magiern, Hexen und Indianern. In seinem Büro liegt ein Totenkopf. "Nur zur Gaudi, bedeutet nichts", wie ich beruhigend erfahre.

Über dem Arbeitsplatz von Alexander befinden sich jede Menge Bilder von Händen, in Zonen mit einer Vielzahl von Beschriftungen aufgeteilt. Dazwischen hängt ein Diplom vom Institut und Verlag für Parapsychologie und Grenzwissenschaften in Pfarrkirchen, Abschluß am 16.1.95. Wozu andere Jahre brauchen, das hat er in nur wenigen Monaten im Fernstudium geschafft. Dafür erfuhr er per Urkunde vom 4.2.95 die Ernennung zum assoziierten Mitglied "In Würdigung der Verdienste im grenzwissenschaftlichen Bereich", Anlaß dafür ist seine außerordentliche Begabung im wissenschaftlichen lesen von Handlinien. Jetzt will ich wissen, wie man zu solchen Lorbeeren kommt und was dahinter steckt. "Man erhält Fotos von Händen zugeschickt, wobei die Persönlichkeitsbilder dem Institut bekannt sind. Ich mußte darüber Gutachten anfertigen. Treffen diese auf die Personen zu, so erfolgt nach einer ganzen Reihe solcher Expertisen die Anerkennung. "Verblüfft waren die Lehrer von Alexander Golandsky nicht nur wegen der Exaktheit, sondern auch der Schnelligkeit, mit der er seine Aussagen trifft.
 
  Immer noch skeptisch frage ich ihn, ob er mir nicht auch mal aus der Hand lesen kann. Er erklärt mir, daß dies nicht so nebenbei machbar ist. Zwar kann er eine erste Grobeinschätzung vornehmen, aber ein Gutachten dauert um die zehn Stunden.
   
Dabei wird die Hand mit einem Spezialscanner abgelichtet, dann mit einem eigens von Alexander Golandsky entwickelten Programm jeder Millimeter der Hand "abgegrast", die Ergebnisse ermittelt und schriftlich fixiert. So hat jeder etwas in der Hand und die Veränderung der kleinsten Linien kann noch nach Jahren zurückverfolgt werden. Es ist wie im Fernsehen. Ich halte ihn die Hände hin, mit einer riesigen Lupe betrachtet er sie und legt los... Mir verschlägt es die Sprache. Etwa 15 verschiedene Aussagen, die auch äußerst persönliche Dinge betreffen, trifft er in kurzer Folge, spricht über meine Empfindungen, Gefühle und Wünsche, über Dinge aus meiner Vergangenheit mit einer Präzision, als würde er mich nicht erst seit einer halben Stunde, sondern schon ewig kennen. Erschrocken und erstaunt zugleich muß ich am Ende der kurzen Sitzung und der Darlegungen zugeben, das er mit jedem Punkt ins Schwarze getroffen hat.

Nun verstehe ich, daß immer neue Leute zu ihm kommen, die mehr über sich wissen wollen. Die mundpropaganda verfehlt ihre Wirkung nicht. Schließlich hat auch sein Fernsehdebüt dazu beigetragen. Das MDR-Team von Außenseiter-Spitzenreiter war bei ihm. Alexander hat dem moderator Hans-Joachim Wolfram und seiner Assistentin Christine Trettin-Errath ebenfalls aus der Hand gelesen. Beide waren offensichtlich über die Linien-Erkenntnisse genauso verblüfft wie ich. Es ist also doch etwas dran am wissenschaftlichen Handlesen, das schon von den alten Griechen betrieben wurde und selbst in Immanuel Kant einen Bewunderer gefunden hatte.

Welche Persönlichkeit steckt nun hinter dem Chirologen aus Neustadt, der einer solchen Kunst mächtig ist? Tätowierungen, die während seiner Erklärungen am Computer unter dem Hemd sichtbar werden, machen neugierig. "Golle" war früher leidenschaftlicher Rocker. Die Kumpels, seine Motorräder, das Leben genießen - bestimmende Faktoren seiner Entwicklung. Vor über zehn Jahren war er schon einmal im Fernsehen. In "Pink", ähnlich wie "Live aus dem Schlachthof" wurde er als schönst- und meisttätowierter Bayer vorgestellt. Inzwischen ist er natürlich wesentlich ruhiger geworden, hat seine Erfahrungen gemacht und sich ernsteren Dingen zugewandt. Doch aus seinem Herzen macht er keine Mördergrube und sagt ohne Zögern: "Meine Rockerzeit möchte ich nicht missen. Sie gehört zu meinem Leben wie jetzt das Handlesen."
 
  Vom Rocker mit Herz zum Diplomchirologen mit Gefühl - nicht unbedingt der geradlinigste Weg. 1994 heiratet er eine Thailänderin, der ein ganzes Dorf gehört. Zwei Elefanten und über 300 Gäste begleiten die Festivitäten. Doch inzwischen ist er schon wieder geschieden und widmet sich voll seinem Hobby. Irgendwie erinnert er mich an ein Lied von Udo Lindenberg: "Genie und Wahnsinn gehen Hand in Hand..."
 
Vor etwa neun Jahren gab es erste Kontakte mit der Grenzwissenschaft über Zeitschriften und Bücher. Die Hände las er zunächst in Discos und brachte dort schon die Leute in Erstaunen. 1990 hat er dann gemerkt, daß es seine Berufung ist, Hände zu lesen. Bei diesen Worten deutet er auf Handabbildungen, in denen das Zeichen für die Fähigkeit zur Analyse und Voraussagen zu erkennen ist. Ich sehe, es ist auch in seiner Hand. Zu seinem Kundenkreis gehören Menschen aller Intelligenzgrade und Schichten, die sich ein Handlese-Persönlichkeitsgutachten anfertigen lassen. Alexander Golandsky kann sich des Ansturms kaum erwehren, weil alle, die bei ihm waren, von seinen Fähigkeiten vollkommen überzeugt sind. Der Diplomchirologe versteht seine Wissenschaft, in die er sich immer weiter hineinvertieft, ständig neue Erkenntnisse gewinnt nicht nur als seine Berufung, sondern als Lebenshilfe für andere. Deswegen sagt er ihnen auch das schlimmste nicht, wenn er es erkennt. Er rät den Handeignern sich mit diesem oder jenem Problem an seinen Arzt zu wenden. "Ich will ihnen helfen und sie nicht verrückt machen". Viel kann der sensible Mann für die Persönlichkeitempfindung anderer tun, so zum Beispiel den richtigen Beruf empfehlen, Tips für Verhaltensweisen geben oder sagen, worauf man besonders achten muß. Am Ende des Gesprächs ist mir klar: das kann kein "Firlefanz" sein und Alexander Golandsky - sich ständig weiterbildender Diplomchirologe beherrscht seine Kunst.

Einer der lebenden Beweise für das Beherrschen des wissenschaftlichen Handlesens ist der Neustadter Hans Weiher. Vor etwa einem Jahr kam er zu Alex. Er fühlte sich nicht wohl und wurde beim Arzt auf verschieden Symtome hin behandelt. Der Handleser sagte ihm Probleme mit Herzkranzgefäßen voraus. Das EKG war jedoch vollkommen in Ordnung und wurde daraufhin ständig überprüft. Vor ein paar Monaten veränderte sich das Bild. Herzkranzgefäßverengung wurde diagnostiziert. Hans Weiher wartete dann auf einen Termin für seine Operation zum Legen von Bypässen. Während unser Artikel entstand, mußte er mit Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert werden.